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NETZ, PAPIER 19. November 2008, 22:55 Uhr 8 Kommentare

“Alles unterlassen, was zur Erbauung des Nächsten nichts beiträgt”

Klickibunti-Bilderstrecken, stapelweise ins Redaktionssystem kopierte Agenturware und täuschende Verlinkungen, die auf Werbeseiten führen – mit der Qualität des Online-Journalismus scheint es nicht zum Besten zu stehen. Anlass zum Meckern boten schon die ersten Zeitungen. Manches, was die Kritiker vor 400 Jahren schrieben, könnten sie heute genauso wiederholen.

Verstand und Urteilskraft – zwei Eigenschaften, die man auch aktuell jedem Journalisten wünscht – forderte der Leipziger Tobias Peucer 1690 von den Zeitungsschreibern seiner Zeit an. Sie bräuchten diese Talente, “damit glaubwürdige Dinge von leeren ausgestreuten Gerüchten und leichtfertige Verdächtigungen und tägliche Sachen und Vorgänge von öffentlichen und zwar denkwürdigen Ereignissen unterschieden werden”, schrieb er.

Darüber hinaus hatte Peucer, ein Theologe, in “De Relationibus Novellis”, der ersten Dissertation zum Zeitungswesen in Deutschland, strikte Vorstellungen vom Wesen des guten Zeitungschreibers. Er verlangte “Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit” vom Berichterstatter, damit der “nicht etwa aus Voreingenommenheit für eine Partei schuldhaft etwas Falsches beimische oder nicht ganz sichere Dinge über Vorgänge von großer Bedeutung niederschreibe.”

Ein Zeitgenosse Peucers war Kaspar Stieler, der schon 1695 die Ansicht vertrat, dass das Nutzen von Medienangeboten auch Spaß bereiten könne, wenn sie denn gut sind. Zumindest deutet der Titel seiner Arbeit “Zeitungs Lust und Nutz” darauf hin. Allerdings hatte der Spaß für Stieler seine Grenzen: “Satirische Schriften” und “spöttische Durchhechelungen” gehörten nicht in die Zeitung. Stattdessen wünschte er sich nur “zeitungswürdige Materialien”, die “das Wichtige und Weitaussehende von Lappalien” unterscheiden. Schlüssellochguckerei und Paparazzitum hätte Stieler übrigens gehasst. Er wollte nur zum “gemeinen Wesen” gehörende Informationen, aber nicht “Privat-Sachen” in der Zeitung.

Wenn es trotz aller Mahnungen der Vordenker mit der Qualität mal doch nicht so klappte, forderte so mancher der frühen Zeitungskritiker ein Verbot wie Ahasver Fritsch, der als Kirchenmusiker und Jurist aktiv war. Ein Verbot forderte der Sohn des Bürgermeisters von Mücheln, aber – wohlgemerkt – nicht für die Journalisten, sondern für manche Leser. Fritsch fürchtete eine „neue Zeitungs-Sucht“, da Menschen einen schlimmen Charakterzug besäßen: die Neugierde.

Und die würden Zeitungleser auch schlimmstenfalls auch mit “erfundene Nachichten” – im 17. Jahrhundert war es noch schwer an gründlich erarbeitete Meldungen zu gelangen die Korrespondenten aus ganz Europa meist kurz und ohne Hintergründe den Zeitungen zukommen ließen. “Man muss die Wahrheit sagen. Lügen und falsches Gerede überhaupt meiden und alles unterlassen, was zur Erbauung des Nächsten nichts beiträgt”, schrieb er und meinte leider keine 172-teilige Bilderstrecke damit.



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8 Reaktionen zu ““Alles unterlassen, was zur Erbauung des Nächsten nichts beiträgt””

  1. Anita

    Tja, da haben die Kritiker schon vor so langer Zeit gewusst, wie es um die Menschen steht. Der Satz mit der Neugierde ist echt genial, da kamen mir doch gleich die ganzen Blätter in den Sinn, die sich nur mit Klatsch und Tratsch rund um die Promis beschäftigen. Wer sich das allerdings immer noch antut und haufenweise Geld dafür ausgibt, der ist selbst schuld…

  2. Jupp

    Ich muss sagen, dass ich schon zu den Personen gehöre, die sich gerne mal den Klatsch ansehen, der über die Promis geschrieben wird. Natürlich ist auch viel dabei, was ich nicht so toll finde, aber alles kann man ja auch nicht gut finden. Oft ist es einfach nur lustig.

    Ich muss dir aber auch recht geben, es ist wirklich so, dass die Kritiker das schon lange wissen. Wir es aber einfach noch nicht ganz begriffen haben wie es wirklich um uns steht. Vielleicht ändert sich das ja noch.

  3. Chris

    Ich lese sehr gerne Zeitung. Ich bin mir zwar dessen bewusst, dass nicht alles was dort steht auch wahr sein muss, aber ich lese sie einfach gerne. Vor allem der regionale Teil ist immer wieder spannend und es ist doch gut zu wissen was in der Gegend so passiert. Man muss ja schließlich über das Aktuelle bescheid wissen. Klatsch lese ich weniger, denn das finde ich nicht so interessant und meistens glaube ich auch nicht was ich da lese. Aber das ist jedem selbst überlassen wie er das handhabt.

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    Wer sich das allerdings immer noch antut und haufenweise Geld dafür ausgibt, der ist selbst schuld…

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