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PAPIER 18. November 2008, 17:54 Uhr 4 Kommentare

Reise nach Jerusalem

…, das Kinderspiel, hat ein einfaches Prinzip: Wenn die Musik ausgeht, findet einer keinen Platz mehr, weil ein Stuhl weggenommen wurde. Nun gibt es eine neue Variante: Wenn die Musik ausgeht, ist einer schon aus dem Raum gegangen und die übrigen finden glücklicherweise doch alle einen Sitz. Ausgedacht haben sich diese Abwandlung Verantwortliche bei Verlagen und Sendern mit dem Ziel des Stellenabbaus. Damit das neue Prinzip auch funktioniert, ertönen fleißig Störgeräusche.

Als eine einfache Methode, Leute loszuwerden, ist ein Umzug. Wenn die Redaktion einmal quer durch die Republik muss, um weiterarbeiten zu dürfen, dann reichen am neuen Standort auch weniger Stühle. Dumm nur, erklärt Meedia-Autor Stefan Winterbauer, dass die Luschen bei dieser Reise nicht die Fußfaulen sind. Sie reihen sich in den Umzugstross ein, während die besten Autoren noch schneller auf den Beinen sind, wenn die Musik zu spielen anfängt. Die High Potentials verlassen das Unternehmen - möglicherweise noch mit Abfindung - und machen Umzugsreisen nicht mit.

Gut für die Zahlen ist das. Eine Planstelle ist ohne Getöse eingespart. Und es ist einer weniger da, der mosert, weil die Isar doch nicht so schön ist wie die Spree oder das Astra-Pils nicht so mundet wie das Kölsch. Schlecht ist das hingegen für die Qualität des produzierten Mediums und somit auch für die Leser. Aber der Verlust von einigen Abonnements belastet die Bilanz weniger als ein Vollzeitbeschäftigter, der jeden Monat sein Gehalt bekommen muss.

Ob es solche strategischen Reisekonzepte gibt, sei dahin gestellt. Jedenfalls zieht Sat1, das nie seinen Hauptstadtsitz als Standortfaktor genutzt hat, zur Konzernmutter nach Unterföhring. Gruner & Jahr erwägt, seine Wirtschaftsmagazine “Capital” und “Impulse” aus Köln sowie “Börse Online” aus München zum Stammsitz zu holen, damit dort Synergien mit der defizitären “Financial Times Deutschland” gefunden gesucht werden können.

Kürzer fiel die Reise der Redaktion der “Süddeutschen Zeitung” aus. Aus der Münchner Innenstadt ging es fünf S-Bahn-Stationen ostwärts zum neu gebauten Hochhaus - das übrigens weniger Etagen erhielt, als ursprünglich geplant, weil in München kein Gebäude höher als die Marienkirche sein darf. Nachdem alle dort angekommen sind, sollen die ersten gleich wieder raus - nicht etwa, weil es im nun kleineren Hochhaus zu eng ist, sondern weil die Anzeigenerlöse sinken. Idealerweise gehen sie freiwillig, andernfalls sind böse Briefe nicht ausgeschlossen.

Wie gut die Stimmung im Haus ist, ließ sich schon bei der Zeitungslektüre erahnen, als SZ-Vize Kurt Kister über sein neues Büro schrieb: “Ich sitze im 25. Stock, weil mein Chef der Meinung war, Chefs, also er, müssten ganz oben sitzen. Über uns sind nur noch der Herrgott, der gestirnte Himmel sowie die Verleger und die Geschäftsführung. Weil ich zwei aus diesem Quartett sehr respektiere, bin ich dankbar für mein komfortables Zweckzimmer unter den Wolken.” Derweil kursiert ein böser sonderbarer Brief (besser eine Mail, die ganz diskret auch beim Handelsblatt eingegangen ist), in dem nochmal die Regeln für die neue Variante des Reisespiels erklärt werden:

Wir werden bitten daher alle festen Mitarbeiter, die ohnehin über eine andere Lebensplanung nachdenken, über einen freiwilligen Abschied nachzudenken - versehen mit einer entsprechenden Abfindung. Wir werden darüber hinaus prüfen, auf welche Mitarbeiter wir unter den veränderten Bedingungen auf keinen Fall verzichten können - und welche eher verzichtbar sind. Mit diesen Mitarbeitern werden wir anschließend über eine freiwillige Auflösung ihres Vertrags reden.


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4 Reaktionen zu “Reise nach Jerusalem”

  1. Ein Redaktionshase

    Zu diesem Schreiben passt übrigens ein weiteres Spiel, das auf Kindergeburtstagen hoch im Kurs steht: Ich packe meinen Koffer… das gewinnen immer die Cleveren mit dem guten Gedächtnis.

  2. Ruben

    „Als eine einfache Methode, Leute loszuwerden, ist ein Umzug.“ Das würde ich jetzt so nicht sagen. Wie du ja auch geschrieben hast, hat es hier auch nicht so ganz geklappt. Das liegt daran, dass die Leute einfach an ihrem Arbeitsplatz hängen und ihn auch nicht so gerne aufgeben möchten. Schwierig wird es natürlich bei Familien das ist klar, aber auch diese nehmen ja einen Umzug oft in Kauf. Unfair finde ich aber das schon sehr muss ich wirklich sagen.

    PS: Ich packe meinen Koffer passt wirklich auch sehr gut.

  3. Axel

    Ich bin nicht so begeistert von dem Text, mit dem Umziehen, das finde ich auch unfair. Einfach ein paar Stühle weniger? Ich meine, das geht einfach nicht.

  4. medication

    medication…

    pharmacy…

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