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NETZ, PAPIER 3. November 2008, 18:43 Uhr 3 Kommentare

Großraumbürogeschichten

Großraumbüros heißen in Redaktionen Newsrooms, sind aber nichts anderes Freilaufgehege, in denen Journalisten zu Reiz-Reaktions-Feldversuchen herangezogen werden. Im Medienspiegel blickt ein Kleinbürobesi(e)tzer mit Verachtung und Mitleid zugleich auf die Betroffenen moderner Büroorganisation. Wie recht er mit seiner Diagnose hat, dazu einige Anekdoten aus den Großräumen deutscher Redaktionen - alle wahr und selbst miterlebt.

Wie aktuell im Großraumbüro, das wirklich nur Newsroom heißt, gearbeitet wird, lässt sich anhand der Zahl der Fernsehgeräte schätzen. In jeder Raumecke, an jedem Pfeiler, über jeder Tischinsel hängt mindestens ein Apparat. Die meiste Zeit läuft die Dauerberieselung von N-TV - ohne Ton, bestenfalls das Laufband wird mäßig beachtet. Doch tritt ein Politiker zurück, wird ein Skandal aufgedeckt oder passiert irgendeine Katastrophe, wird aus dem Stummschalt-Knopf der Fernbedienung ein Lautschalt-Knopf, der auch betätigt wird. Und zwar für jeden der Fernseher separat. Obwohl ein Newsroom keine Grotte, keine Höhle ist, das nun vorhandene Echo ließe anderes vermuten. Zehn Fernseher liefern einfach fast nie einen völlig synchronen Ton.

Apropos Ton, der wird natürlich nicht nur bei Rücktrittserklärungen eingeschaltet. Champions-League-, Uefa-Cup- oder Werktags-Bundesliga-Spiele senden einen je eigenen Latstellimpuls mit, der sofort befolgt wird. Fortan wird mit einem Ohr (und einem Auge) am Ball gearbeitet, immerhin ein Auge bleibt bei den News - wenn nicht gerade wieder jemand ruft: “Hast Du diesen Pass gesehen?”

Wo viele Leute arbeiten, stehen auch viele Telefone. Dumm nur, wenn die Apparate dann klingen, wenn der Angerufene gerade nicht am Platz ist. Für solche Fälle gibt es die automatische Weiterleitung, die den Anruf nach dem - gefühlt - achten Läuten zum Apparat am Nebentisch stellt. Und wieder achtmal klingeln, dann geht’s noch einen Platz weiter. Ist der erste Anrufer bei Platz fünf angekommen, versucht’s ein weiterer Anrufer bei Platz eins, fortan klingeln zwei Apparate. Da jede Tischinsel im Newsroom doch irgendwie noch zu einem anderen Ressort gehört, fühlt sich niemand berufen, an der Nachbartischinsel abzunehmen (man könnte bei Spezialfragen ohnehin nicht weiterhelfen). Bis zu fünf permanent gleichzeitig klingelnde Telefone sind mit solch einer technischen Konfiguration problemlos möglich. Übrigens: Wagt es doch mal jemand, an einem fremden Apparat abzunehmen, kann es passieren, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung ein Mitarbeiter des Hauses ist, dem nun nach 30-mal klingeln lassen auffällt, er habe ja die falsche Durchwahlnummer verwendet.

Andere Kollegen bedienen zwar ihr Telefon, sprechen aber so laut in den Hörer, als ob sie von modernen Telekommunikationstechniken noch nichts mitbekommen haben. Der Peter hat Durchfall, abends sollen vom Supermarkt noch ein paar Joghurts mitgebracht werden oder über Kollegin xyz gibt es etwas Neues zu tratschen. Peinlich berührt lauscht man, wie man unfreiwillig Ohenzeuge von Beziehungsdramen oder Kollegenneckereien wird. Wenn man Glück hat, kann man die ungefragt ausgestrahlten Gesprächsfetzen ignorieren und selbst ein Telefonat führen. Hat man Pech, spricht der Kollege im Großraum so laut, dass ein Verstehen des eigenen Gesprächspartners ausgeschlossen ist.

Dann gibt es noch die Kollegen, die braucht man nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie da sind. Der idealer Newsroom hat zwei von ihnen, die idealerweise nicht nebeneinander sitzen. So können sich die beiden von der Begrüßung bis zur Verabschiedung alles Mögliche zurufen und alle andere hören es mit und dürfen in das Gespräch, oder Geschrei, miteinstimmen.

Andere Kollegen sind nicht mit Dauerkonversation beschäftigt, sondern mit Dauer-Surfen, dass sie nur unterbrechen, wenn sie ein einmaliges Youtube-Video, eine besonders flashige Flash-Animation,,, gefunden haben. “Ey, guck mal hier”, machen sie dann auf sich und ihren Fund aufmerksam. Doch dieser Imperativ ist falsch. Auch ohne zu gucken, verpasst man garantiert nichts, solange man im Newsroom bleibt. Der Ton von Videos und Animationen wird über die gesamte Etage ausgestrahlt plus individueller Zusatzkommentare à la “Ey, guck mal, ich fliege direkt ins World Trade Center” (der Kollege testete eine neue Version von Google Earth). Ohne Worte.


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3 Reaktionen zu “Großraumbürogeschichten”

  1. Ein Redaktionshase

    Tja, wo viele Menschen, da viele Geräusche und kollidierende Vorstellungen von dem, was Arbeiten bedeutet. Fünf unterschiedliche Großraumbüromenschen lassen sich übrigens identifizieren:

    Typ A: Der ewige Grinser: Egal, wie nervig das Gegenüber am Telefon sein mag, es wird zur Begrüßung angeflötet und umschleimt, dass sich die Balken biegen. Die Kollegen am Nebentisch verdrehen die Augen, wetten untereinander auf die Minutenzahl, wann im Laufe des Gesprächs wohl die erste sachliche Frage zum Thema kommen mag und stellen fest: Manchmal gar nicht.

    Typ B: Der Jetzt-grad-nicht: Intern konferieren, Themen setzen, sich über “die da oben” mokieren: Wichtige Dinge, die gern mal fünf Stunden bekakelt werden dürfen. Reziprok zur Dauer der Unterredung sinkt der Anteil inhaltlich fundierter Aussagen. Dafür steigt der Dezibelwert. Und wehe, die Diskutierenden bemerken plötzlich, dass es gerade etwas zu tun gibt. Dann aber psssst! Da heißt es gern mal, falls das Telefon klingelt: “Jetzt grad nicht, ich bin im Stress, geh Du mal ran.”

    Typ C: Der Guck-mal-schnell: Okay, nette Idee für eine Überschrift. Ja, das Foto ist echt der Hammer. Die Meinung der Kollegen ist erwünscht und wird eingefordert, und zwar am Tag etwa 50 Mal. Die Fälle nicht mitgerechnet, in denen es heißt: “Guck mal, das ist mein neues Handy.” Oder: “Guck mal, die Umfrage im Netz ist ja spannend.”

    Typ D: Der Konzentrationsbolzen: Da kommt nichts. Manchmal allerdings nicht mal eine Begrüßung. Verstanden, der Kollege arbeitet einfach nur.

    Typ E: Der Pausenkasper: Bei ihm dauert alles etwas länger. Das Rauchen, das Kaffeeholen, die Konferenz, die Pinkelpause. Warum? Weil Konversation ihn an andere Orte als den Schreibtisch bindet. Außenstehende erkennen ihn daran, dass sie nach dem 35. Tuten im Hörer aus der Leitung gekegelt werden. Oder dass einer der Kollegen rangeht. Typ A säuselt ein “Hallooooo, oh, tut mir leid, der ist grad nicht am Platz. Warten Sie, ich notiere ihre Nummer schnell und leg einen Zettel hin.” Typ B sagt (im Hintergrund redet der zweite Kollege Typ B hörbar weiter): “Mh, der ist nicht da. Rufen Sie einfach nochmal an.” Typ C nimmt ab mit den Worten: “Ja, Moment, ich guck mal, wo der steckt (was immer eine Lüge ist, weil er sich stattdessen einen Kaffee einschenkt oder einen Keks nimmt, um anschließend zu behaupten, der gewünschte Gesprächspartner sei vorrübergehend nicht auffindbar.) Typ D ignoriert das Klingeln. Und Typ E? Der ist selbst grad nicht am Platz. Sorry.

  2. Timo

    Ich kenne auch noch Typ F: Das Chamäleon. Der ist je nach Wochentag, Uhrzeit oder Pulloverfarbe mal Typ A, Typ B, C, D, E - oder halt F.

  3. RunningWilli

    RunningWilli…

    Ist ja schon ein interessanter Titel: Vanity Care ” Blog Archiv ” Großraumbürogeschichten…

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