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MATTSCHEIBE 26. Oktober 2008, 23:50 Uhr 2 Kommentare

Gekränkt entlassen

“Lesen” war eine kleine Sendung. Nur sechs Mal pro Jahr öffnete das ZDF für 30 Minuten die Literaturnische. 2008 wird es bei viermal bleiben. Dass der Rauswurf von Elke Heidenreich - weil sie zu laut, zu öffentlich kritisierte - solch ein großes Echo finden würde, damit hat man beim ZDF wohl nicht gerechnet.

Szenen einer Ehe. Frau nörgelt. Mann schweigt. Frau nörgelt. Mann brummelt. Frau wünscht, sagt es es aber nicht. Mann ist genervt, hofft auf Morgen. Frau ist unzufrieden. Mann versteht es nicht. Frau meckert, Mann habe die Krawatte schief gebunden. Mann versteht wirklich gar nichts. Frau ist mit der Gesamtsituation unzufrieden.

Szenen im Fernsehen. Elke Heidenreich findet, es läuft zu wenig Kultur im Fernsehen. Und wenn doch, dann zu spät - ja, das gilt auch für ihre Sendung “Lesen”. Die wurde von Dienstag 22.15 Uhr auf den Ausgeh- und Zerstreuungsabend Freitag um 22.30 Uhr verlegt. Das ZDF versprach Besserung, die kam aber nie. Als Heidenreich die Fernsehpreisgala besucht und erlebt, wie Marcel Reich-Ranicki den Preis ablehnt, ist für sie der Zeitpunkt der Kritik gekommen. Wer angekratzt ist, eröffnet gern Nebenkriegsschauplätze.

Thomas Gottschalk, ein Mann, der “routiniert und ohne einen Funken von Witz oder Geist ‘Moderationen’ herunterhudelt”, die Fernsehpreisgala irgendwie “hirnlose Scheiße”, das deutsche Fernsehen insgesamt “wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich”, das ZDF im Besonderen - “Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten”. Das saß, nun war nicht nur Heidenreich angekratzt, die ZDF-Entscheider waren es auch. Schließlich beschäftigen sie Gottschalk, verantworteten die Fernsehpreisgala, machen insgesamt Fernsehen machen und insbesondere das ZDF. Alle vier Verbalschläge Heidenreichs trafen sie - es folgte, was folgen musste: Als sich keine Entspannung abzeichnete, eine Entschuldigung ausblieb, kam kein klärendes Gespräch mehr zustande, sondern nur noch ein Kündigungsschreiben.

Das Publikum konnte das alles mitverfolgen. Szenen eines zerbrochenen Zwei-Bündnis. Das polarisiert. Ist sie die Meckerziege oder die kritische Intellektuelle? Und die ZDF-Verantwortlichen die arroganten Schnösel, die keine Kritik vertragen, oder die weisen Herren, die einer Furie Grenzen zeigen? Das emotionalisiert. Und dabei geht es sogar um Bücher - im entferntesten Sinne, weil Heidenreich ja bislang eine Bücher-Sendung moderierte.

Wenn da noch einer kritisieren möchte, wie flach das Fernsehen geworden ist, dann bedenke er auch, warum Heidenreich-vs.-ZDF zum Medienjournalismus-Thema der Woche wurde. Dieses Sujet war einfach spannender als die Insider-Debatte über den Rundfunkänderungsstaatsvertrag, deren Ausgang wesentlich die Qualität nicht des Fernsehens, aber des journalistischen Internets beeinflussen kann.

Und wie geht’s weiter mit Heidenreich und dem ZDF (getrennt natürlich):
- Nico Lumma empfiehlt der Literaturkritierin ein selbst betriebenes Videoblog im Internet (Nebeneffekt: fällt dann auch nicht unter die Sieben-Tage-Regel, die das ZDF trifft, und muss auch nicht durch den Drei-Stufen-Test
- Stefan Niggemeier hat Ideen für’s Zweite, u. a. eine Telenovela aus Buch, dem Ortsteil von Berlin, oder eine Tierdoku mit Leseratten…





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2 Reaktionen zu “Gekränkt entlassen”

  1. ZDF jetzt ohne Heidenreich

    [...] beleidigt hatte, wurde sie, wie bereits letzten Donnerstag bekannt wurde, fristlos und gekränkt entlassen. Bei einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse sagt Elke Heidenreich unter anderem “Man [...]

  2. herren jeans

    herren jeans…

    Klasse Beitraege zu dem Thema. Es gibt scheinbar doch noch Menschen die gut zu schreiben wissen. Na ja - das Talent ist auch nicht jedem gegeben. Werde die Seite auf jeden Fall in meinen Favoriten aufnehmen….

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