NETZ
14. März 2008, 22:01 Uhr
0 Kommentare
Und nun die Kommentare
Ein technischer Vorzug des Webs steht in der Diskussion: Nicht nur Texte abrufen und lesen, sondern gleich antworten und die eigene Meinung sagen/schreiben. Doch allzu häufig verlassen die Debatten den Bereich des Erträglichen, andere Male kommen sie gar nicht erst in Gang. Mancher ernsthafter Kommentarschreiber ist vergrault worden. Sind Kommentarfunktionen noch sinnvoll?
Mal wieder sah sich das Team vom Spreeblick bemüßigt, den Kommentierern des Blogs ins Gewissen zu reden. Denn mal wieder verließ eine Diskussion offenbar den Rahmen des Hinnehmbaren. Meinungsfreiheit wurde zur Beleidigungsfreiheit uminterpretiert. Wegen eines Postings zur öffentlichen Wahrnehmung des Islam und zu einer Gallup-Studie, die mit gängigen Vorurteilen über “den Islam” aufräumt.
Stefan Niggemeier reagierte auf den gedanklichen Ausschuss, der unter seinen Blog-Artikel erscheint, scherzhaft und bietet nun ein Feature an, dass sämtliche Meinungsäußerungen ausblenden kann. Wochen zuvor hatte er eine gerichtliche Niederlage hinnehmen müssen, weil er eine unzulässige Meinungsäußerung – nein nicht tolerierte, sondern zu spät löschte.
Kommentare - ein Charakteristikum der Blogosphäre droht zum Schadfleck zu werden. Johnny Häusler schreibt:
“Der Ton mancher Kommentare, die Art der Auseinandersetzung, wie sie teilweise in Blogs geführt wird, scheint zu einem Blog-Image zu führen, das dem Medium nicht gerecht wird und das vielleicht potentielle Leser abschreckt und somit ein Wachstum der Blogosphäre verhindert.”
Es sind ohnehin nicht viele, die sich überhaupt äußern wollen – bei Spreeblick 0,5 bis zwei Prozent der Leser an einem durchschnittlichen Tag. Die große Mehrheit bleibt passiv. Kommentare, die eine Operation Löschtaste erfordern, sind ein Randphänomen – aber ein folgenschweres. Bei Spreeblick mögen manche Leser gar nicht mehr kommentieren. Sondern schreiben lieber Mails, weil sie “mit den Spinnern in den Kommentaren nichts zu tun haben wollen”.
Unflätiges, Rassistisches, Beleidigendes – nicht nur Blogs haben mit Kommentaren zu kämpfen, sondern auch die etablierten Medien. Bei Focus Online müssen alle Leserbeiträge zu Artikeln aus der Redaktion erst durch eine Kontrolle, bevor sie freigeschaltet werden. Chefredakteur Jochen Wegner gibt im aktuellen “Journalist” zu, dass dabei auch mancher saubere Beitrag auf der Strecke bleibt. Die Welt löscht komplette Threads und unterbindet neue Einträge, wenn sie - wie angeblich hier – ausgeufert sind. Und die Süddeutsche schließt aus, dass nach Feierabend überhaupt verbale Ergüsse ihrer Leser ins Netz kommen.
Der richtige Umgang? Wohl kaum, ernsthafte Kommentatoren vermissen Moderation, Austausch mit der Redaktion, Nutzerfreundlichkeit. Verlagen wird vorgeworfen, daran kein Interesse zu haben. “Das sind Meinungs-Müllhalden die die Arbeit mit Leserbriefen verringern und die Werbeerträge durch mehr Klicks erhöhen sollen (für die Statistik und die angezeigte Werbung)”, schreibt Sebastian über Leserkommentarbereiche im Netz.
Unflätige Äußerungen und schlechter Umgang mit sinnvollen Äußerungen – beides macht die Kommentarfunktion zum Schmuddelkind. Angesichts der geringen Lust zur Meinungsäußerung wäre daher zu diskutieren, ob eben nicht alles frei kommentierbar sein soll.
Bookmarken














