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NETZ 20. Februar 2007, 22:35 Uhr 8 Kommentare

Großer Relaunch mit Rückkehr der Minis

Die “Welt” hat sich im Netz ein neues Gesicht gegeben. Der erste Eindruck beim Blick auf die Seite: Mensch, ist das voll hier. Auf der Homepage wird der Besucher mit einer Fülle von Teasern und Überschriften empfangen – auf Kosten der Bilder, die oft auf zu Mini-Miniaturen schrumpfen. Und wo ist eigentlich die zweite “Meinung”?

Mit dem alten “Welt.de” hat die neue “Welt Online” nur wenig gemein. Der Relauch ist ein großer Wurf mit vielen Innovationen, manches hat man jedoch schon auf anderen Seiten gesehen, anderes lässt sich noch optimieren. Auf der Homepage kommen die Informationen sehr geballt. Der Eindruck, dass alles sehr gedrängt ist, wird dadurch verstärkt, dass unter der ersten Top-News die Textvorspänne zweispaltig präsentiert werden, wobei ein Bilderbalken das Zweispaltenraster noch durchbricht.



Raster durchbrochen: Teaser erscheinen in zwei Spalten, quer dazu liegt ein Bilderbalken.
Screenshots Welt Online (5)

Das irritiert. Welcher Spalte soll ich denn nun folgen? Oder soll ich in Schlangenlinien lesen und zwischen den Spalten hin- und herspringen. Dass eine ruhigere Variante zumindest angedacht war, verrät die Bilderserie zum Relauch. Auf der zweiten Seite enthält sie ein Bild mit Vorspännen, die über die volle Breite der Hauptspalte laufen. Zweitens schränkt dieses Layout die Kreativität bei Überschriften ein. Wenn sie nicht länger als zweispaltig laufen sollen, wird der Platz für die Schlagzeilenwörter knapp – einige Male selbst für die “Welt”-Autoren, deren Überschriften dann dreizeilig laufen, was sich als Killer für optische Leichtigkeit erweist.

Der “Spiegel” hat es beim jüngsten Relauch auch verbannt, die “Welt” führt es nun ein: das vertikale Menü, das auf Centerpages der einzelnen Ressorts und Einzelartikelseite als Dropdown-Menü erscheint, wenn die Maus auf das “Ressorts”-Feld bewegt wird. Geschickte Maussteuerung ist gefordert, wenn aus den Tiefen eines Ressorts quer in ein anderes gesprungen werden soll. Das ginge nutzerfreundlicher, allerdings nähme das Menü dann – angesichts seines Umfangs – viel Platz weg.



Leichter zu bedienen? Der “Spiegel” hat das Drop-Down-Menü abgeschafft, die “Welt” führt es ein.

Platz, der nun für große und schöne Bilder genutzt wird. Ein großer Pluspunkt, der die neue “Welt Online” gegenüber nahezu alle sonstigen deutschsprachigen Newsseiten auszeichnet. Ein Doppelplus ist verdient, da meist nicht nur ein Bild über die gesamte Textspaltenbreite präsentiert wird, sondern eine komplette Serie. Es kostet in der Clickstatistik zwar pro Besucher und Artikel einen Click, den Nutzwert steigert es aber unwahrscheinlich, dass die Bilderserie auf der Artikelseite direkt betrachtet werden kann, ohne für den Weg zur Galerie den dazugehörigen Text verlassen zu müssen.



Spitzen-Optik: Großformate am Textbeginn, die Serie lässt sich auf der Seite durchclicken.

Auf der Homepage und den Centerpages wird den Lesern allerdings die Qualität der Bilder vorenthalten. Unterhalb der Top-News geraten die Fotos dort so klein (halbe Briefmarke), dass oft nur noch vage erraten werden kann, was zu sehen ist. Mehr als ein Logo lässt sich im Miniformat nicht zeigen – dann lieber weniger und größere Bilder.



Rätsel: Was ist auf diesen Miniaturfotos zu sehen? (Screenshots in Originalgröße)

Interessant finde ich, dass die Hierarchietreppe für die Artikel auf der Homepage deutlich mehr Stufen bekommt, als auf allen übrigen News-Seiten. Obenan steht eine Top-News, die über die gesamte Spaltenbreite läuft, auf Stufe 2 folgen zwei halbspaltige Top-News mit unveränderter Schlagzeilengröße, dann acht halbspaltige News mit kleinerer Schlagzeile und Mini-Bild und schließlich Ressortübersichten, wobei jeweils die erste Meldung mit Teaser, die übrigen nur mit Überschrift gezeigt werden. Ob der Leser diese starke Hierarchisierung der Meldungen goutiert, bleibt abzuwarten. Mir hätten weniger Abstufungen genügt.



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“Welt Online” wird multimedialer. Die Zahl der Blogs, der Podcasts und der Videos steigt. Blogs und Podcasts kommen neben Übersichtsseiten mit Feeds, die Videos allerdings fehlen. Warum eigentlich? Schließlich gibt es mit den “Welt Online News”, der “Glasauge”-Satire, der Kinovorschau und anderen regelmäßig erscheinende Angebote, die sich für ein Feed-Abo anbieten.

Eine Mogelpackung ist die “Zweite Meinung”. Als “Meinung” der Anderen werden die News-Feeds der Konkurrenten angepriesen, die oft nur auf der Grundlage derselben Agenturberichte leicht abgewandelt aufbereitete Nachrichten präsentieren. Ein Vergleich der Kommentarspalten und –seiten der verschiedenen Titel ist nicht möglich. Überhaupt ist der direkte Vergleich beschwerlich. Zur zweiten Meinung geht es nur über die Homepage. Unter den Einzelartikeln wird nicht auf die Berichte der Konkurrenten verlinkt – anders bei der Netzeitung. Nachbessern wäre hier – und anderen Stellen – bei dem insgesamt gelungenen Relauch nur eine Kleinigkeit.

Nachtrag: Für die Phase der Optimierung sollten “Goethes letzte Worte als Richtschnur dienen: ‘Mehr Licht!’ (und dann wird das eine richtig schöne Site)”, schreibt Matthias Kretschmer, der in seiner Kurzkritik zu einem sehr ähnlichen Ergebnis kommt.


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8 Reaktionen zu “Großer Relaunch mit Rückkehr der Minis”

  1. bosch

    Stimmt. Auf den ersten Blick dachte ich noch: Ja, das sieht ja hier ganz ansprechend aus. Mir fehlte allerdings der Vergleich zu früher, da ich welt.de normalerweise nicht frequentiere. Auf den zweiten Blick sprang mir das Chaos allerdings ins Auge. Das ist alles ziemlich unübersichtlich geworden.

    Ist aber auch angesichts der publizistischen Relevanz des Blattes nicht weiter schlimm. Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass der Relaunch massenhaft regelmäßige Klicks generieren dürfte.

  2. Timo

    Ich habe mich beim Ritt durch “Welt Online” hauptsächlich auf die Gestaltung konzentriert. Zur “publizistischen Relevanz” gehören aber auch die Inhalte - und da muss man auch als nicht regelmäßiger Weltleser einräumen, dass sich die Zeitung im Netz überaus innovativ zeigt. Nach Clickzahlen ist die Welt zudem gar nicht so unbedeutend: Laut IVW liegt die Site deutich vor Zeit, Handelsblatt und FTD, aber (noch) hinter SZ und FAZ. Der Relaunch ist ein großer Wurf, es geht aber noch besser (=nutzerfreundlicher). Und nachgebessert wird bestimmt. (Auch Spon hatte nach dem Relauch in der unteren Hälfte der Homepage zwei Spalten - das ist mittlerweile wieder verändert worden.)

    P.S.: @bosch - wie ich auf deinem Blog gesehen habe, könntest du ja mit ausgestrecktem Arm beinahe deine Kommentare hier auf meiner Tastatur tippen ;-)

  3. bosch

    Na ja, das klassische Zeitleserpublikum dürfte weniger internetaffin sein und FTD und Handelsblatt müssen sich die Wirtschaftsinterssierten teilen. SZ und FAZ haben einigermaßen vernünftige Internetauftritte. Glaubst Du, dass die Welt nur wegen des bißchen Neudesigns da aufschließen kann?

    Gruß aus der Nachbarschaft (das ist mir auch schon aufgefallen)

    bosch

  4. Timo

    Ich halte es durchaus für wahrscheinlich, dass die Zugriffszahlen steigen. Aber nicht nur wegen des neuen Looks. Im wachsenden Gesamtmarkt kann es gelingen, mehr Nutzer als Konkurrenten anzuziehen 1. durch neue Angebote (möglicherweise durch die neuen Blogs und Podcasts), 2. durch Nutzerfreundlichkeit (da ist bei Welt Online noch nicht alles optimal, aber schon jetzt überdurchschnittlich und durch Nachbesserungen noch steigerbar), 3. durch Inhalte und Standpunkte. Bei letzterem kommt es auf die Akzente an, die die neue Leitung der Welt setzt. Mit Wechseln in der Leitung unterlag die Weltauflage bislang Schwankungen nach oben und unten - grob: je konservativer, desto niedriger. Aber die Effekte moderner Präsentation sind nicht zu unterschätzen, siehe Welt kompakt. Es gibt also auch Leser, die sich durch einen neuen Auftritt (hier kleineres Format) anziehen lassen.

  5. bosch

    Das wird die Zeit zeigen. Ich glaube, dass die Effekte durch die Neugestaltung eher überschätzt werden. Den meisten Lesern von welt.de wird sicher ein neues Design aufgefallen sein, aber ob sie sich wirklich auch langfristig für die neuen Features wie Blogs und Podscasts interessieren bleibt abzuwarten. Und sollte die Einbindung der neuen Medien wirklich so ein großer Erfolg sein, werden die anderen Nachrichtenportale bestimmt auch bald mit vergleichbaren Angeboten am Start sein - für liberalere Medienhäuser wird es sicher einfacherer sein, renommierte Blogger zu gewinnen - schließlich wollten sich einige ja nichtmal von der Welt verlinken lassen.

    Was die Tabloids angeht: Glaubst Du, dass durch eine Formatumstellung sogar die Frankfurter Rundschau gerettet werden könnte?

  6. Timo

    Klar, das wird die Zeit zeigen. Für das Nachziehen anderer Medien wird es aber schwieriger. Die Zahl der etablierten Blogger und Podcaster, die eingekauft werden können, wird kleiner. Zahlreiche sind schon engagiert, andere werden sicher nicht vor dem Tag, an dem alle Zeitungen eingestampft sind, zu irgendeinem Massenmedium gehen. Wer ist denn überhaupt noch zu haben?

    Und was die Tabloids angeht: Ich bin überzeugt, dass durch ein kleineres Format die verkauften Auflagen (vor allem der Einzelverkauf) spürbaren Auftrieb bekommen können. Ob es für die Rundschau reicht? Ich weiß es nicht und bin sehr skeptisch. Dass ein überregionales Blatt mit kleiner Auflage im ständigen Überlebenskampf ist, teilt die taz ja auch regelmäßig mit. Und bei der Rundschau steckt noch viel mehr Leistung bringende, aber auch Kosten verursachende Manpower dahinter. Es kommt darauf an, wie lange DuMonts Atem reicht, ob weitere ggf. nötige Schrumpfkuren (noch weniger Personal, regionale Beschränkung,…) durchgesetzt werden. Und deine Prognose?

  7. bosch

    Nun hat mit der Welt ein konservatives Blatt in Sachen Blogeinbindung vorgelegt. Es ist doch aber so, dass viele Blogger sicher nicht für Axel Springer tätig sein wollten. Sollten liberalere Medien auf den Zug aufspringen, so könnte ich mir vorstellen, dass da sicher noch der eine odere andere bekanntere Blogger auf den Zug aufspringen würde, der sich jetzt nicht vereinnahmen lassen wollte.

    In Sachen FR bin ich unsicher, was DuMont vorhat. Immer wenn ich mal eine Ausgabe in den Händen halte, habe ich das Gefühl: Wenn die jetzt noch weiter sparen in der Redaktion, dann bleibt bald nur noch der Lokalteil über. Vielleicht sollte die FR einfach eine gute Regionalzeitung machen. Mehr Frankfurt, mehr Hessen. Und das war’s. Dann können die sich das ganze überregionale Vertriebstamtam sparen. Keine Ahnung.

    P. S. Das Plugin Subscire to comments hilft Deinen Lesern, die Diskussionen im Überblick zu behalten. Man wird auf Wunsch per E-Mail über neue Kommentare informiert. Abo lässt sich auch sehr leicht bei Bedarf wieder abschalten. Ich selbst bin überrascht, wie gut das von meinen Lesern angenommen wird.

  8. Alexander Trust

    Also ich schließe mich an. Ich fand auch, dass es dort seeeehr voll sei. Finde das hat sich nicht gelohnt.

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