NETZ
25. Januar 2007, 19:39 Uhr
8 Kommentare
Backwahn und Abmahnfotos

Ein Brötchen von Slidetone
Web 2.0 sind nicht nur runde Ecken, Video und Gruschelcommunities. Web 2.0 ist auch das Zeitalter, in dem bisherige Rechtsregelungen nicht mehr passen. Hilfe, damit auch jeder merkt, dass sich etwas ändern muss, kommt ausgerechnet von einem Unternehmerehepaar, das sich exzessiv der alten Regelungen bedient. Die geplante Urheberrechtsnovelle wird das Leben im deutschen Online-Kosmos bekömmlicher machen – aber nicht die Rezepte aus jedem Web-Kochbuch.
Ein Christstollen – 260 Euro, ein Brötchen – 500 Euro, ein Rinderbraten – fast 700 Euro. Und eine falsche Äußerung über den Ursprung der dazu gehörenden Rezepte – noch einmal 500 Euro oben drauf. Diese Preisliste versuchen derzeit Marion und Folkert Knieper, die Schaffer des Online-Rezeptkatalogs “Marions Kochbuch” auf die Menükarte der deutschen Blogger zu kritzeln. Vielen von denen vergeht daher der Appetit auf ihre Kochvorschläge. Und langfristig sind es Online-Aktive wie die Kochbuchmacher, die Abmahnfreudigen die Preise verderben, was aber dem Otto-Normal-Blogger wieder schmeckt.
An einer alternativen Preisliste schreibt die Bundesregierung. Das Justizministerium von Brigitte Zypries (SPD) hat den Entwurf einer Urheberrechtsnovelle vorlegt, der einen Höchstpreis von 50 Euro vorsieht. 50 Euro dürften dann Anwälte und Abmahner nur kassieren, wenn eine 15-Jährige illegalerweise einen Titel ihrer Lieblings-CD zum Download ins Netz stellt, oder wenn Bürger, beim Versuch ihre wenig geliebten Weihnachtsgeschenke in einer Online-Auktion wieder loszuwerden, ihre Angebote mit geklauten Bildern von der Hersteller-Webseite illustrieren.
Der Gesetzentwurf, den das Kabinett schon durchgewunken hat, dürfte dem Ehepaar Knieper die Einnahmeseite ihrer Bilanz kräftig versalzen. Zypries rechtfertigt die Novelle hingegen damit, dass künftig “bei der Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen nicht über das Ziel hinausgeschossen wird”. Wer keine geschäftlichen Interessen verfolgt, sei künftig vor überzogenen Abmahnkosten bei Urheberrechtsverletzungen besser zu schützen.
Es sind die Anwaltsrechnungen und Abmahnkosten, durch die es das Ehepaar hinter “Marions Kochbuch” zu webweiter Bekanntheit gebracht hat. Niemand bestreitet, dass von ihrer Internetseite reihenweise Fotos widerrechtlich kopiert oder durch Hotlinking in andere Seiten eingesetzt wurden. Die Abgemahnten räumen selbst zähneknirschend ein: Fehler gemacht, passiert nicht wieder, und korrigiert wird sofort. Damit geben sich die Kniepers nicht zufrieden, lassen eine Kanzlei aus Hamburg fließig teure Briefe schreiben und ziehen den Zorn der Webgemeinde auf sich.
Fast 2700 Rezepte sind in “Marions Kochbuch” – gut sortiert nach Zubereitungsweise, Fleischsorte oder Kochzeit – gesammelt. Illustriert sind die Zubereitungsanleitungen durch Fotos – wenig künstlerisch, aber doch handwerklich sauber, meist Freisteller, die die Speise auf weißem Grund zeigen. Wer das Online-Kochbuch nicht kennt, findet zumindest die Bilder schnell im Netz. Die Google-Suche nach dem Schlagwort “Brötchen” weist Bilder von Folkert Knieper als Toptreffer aus. Und wer “Bier” eintippt, bekommt ebenfalls eine Knieper-Aufnahme serviert. “Dort waren 2 Bilder von mir auf Platz 1 + 2. Platz 1 wurde mehrfach geklaut und ist nur noch auf anderen Seiten zu finden”, klagt Folkert Knieper.
Statt die ertappten Fotokopierer per Mail zum Löschen eines Bildes aufzufordern, geht das Ehepaar lieber den Rechtsweg. Bringt ja auch mehr Geld, was die Kniepers aber so nie zugeben würden. “Wir sind leider nicht in der Lage, alle Urheberrechtsverletzungen an unseren Bildern selber zu lösen. Daher die Hilfe unserer Anwälte”, heißt es von ihrer Seite. Zeit, das Web nach ihren Bildern zu durchforsten, hatten sie dennoch.
Bis vor kurzem soll eine Liste der mutmaßlichen Rechtsbrecher auf ihrer Seite abrufbar gewesen sein. Der Maingoldblogger zählte mehr als 2000 Einträge. Würden von jedem wie bei ihm rund 700 Euro verlangt, käme eine stattliche Summe von mehr als 1,7 Mio. Euro zusammen. Seine Meinung über die Kniepers. “Diese Abmahnungen sind ungefähr genauso sexy, wie ein verbitterter Rentner, der den ganzen Tag zu Hause an seinem Fenster sitzt und falsch parkende Nachbarn vor seiner Tür bei der Polizei meldet.”
Außerdem werfen Blogger dem Paar vor, mit zweierlei Maß zu messen. Das Kochbuch enthalte nicht nur Eigenkreationen von Ehefrau Marion. Ebenso tauchten dort auch Gerichte auf, die registrierte und zahlende Nutzer in der Vergangenheit in einem von den Kniepers betriebenen Forum eingetragen hatten. In einem Interview mit dem “Stern” wird das auch zugegeben.
Zudem kursiert im Netz ein weiter gehender Verdacht, der aber als unbewiesen zu gelten hat: Das Online-Kochbuch sei nur die Verkleidung für eine Abmahnindustrie. Alle Rezepte gibt es dort kostenlos. Dennoch geben die Kniepers stolz vor, dass ihre gesamte Familie von den Kochbuch-Einnahmen lebt. Außer Google-Anzeigen und Partnerlinks zu Kochgeschirrhändlern sind keine Einnahmequellen zu erkennen. Die Bilder seien auch ohne Kenntlichmachung im Netz abgelegt. Ein Bilder-Dieb müsste nicht einmal den Quellenverweis wegretuschieren oder abschneiden (siehe 1. Kommentar).
Mit den Abmahnungen schöpfen sie den Rahmen des deutschen Rechts aus, schießen aber zugleich mit Kanonen auf Spatzen. Die Normen sind für ein Vorgehen gegen gewerbsmäßiges Kopieren und Produktpiraterie geschaffen, werden nun aber auf Hobbyblogger angewendet. Den Fall des geklauten Brötchenfotos bezeichnet Rechtsanwalt Thomas Klotz daher als “albernste Abmahnung seit Menschengedenken”.
Der Maingoldblogger weigert sich indes, die von ihm geforderten rund 700 Euro zu bezahlen und lässt es auf einen Prozess ankommen. Doch der stockt. Die Kochbuchschaffer haben zwar Klage beim Amtsgericht Hamburg-Mitte eingereicht. Die Richter teilten aber bereits zweimal mit, nicht zuständig zu sein, und verwiesen an das Amtsgericht Frankfurt, in dessen Bezirk der Maingoldblogger wohnt. Der Knieper-Anwalt beharrt jedoch auf eine Verhandlung in Hamburg, und dort sogar bei einer bestimmten Abteilung. Ausgang offen.
Ärger ersparen:
- Johnny vom Spreeblick gibt Tipps zur Bildersuche im Web
- Gratis-Brötchen-Bilder gibt’s von Rechtsanwalt Thomas Klotz, vom Vital-Genuss-Blog, vom Slidetone-Blog (hier ganz oben) und vom Don
- Um Abmahnungen gegen Blogger soll es auch in der nächsten Trackback-Ausgabe gehen.
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Am 25. Januar 2007 um 20:25 Uhr
Eine sehr gute Zusammenfassung und gut recherchiert!
Am 26. Januar 2007 um 10:50 Uhr
Recherchieren lässt sich auch gut mit http://www.archive.org/web/web.php
Den schließlich geht im web nichts so leicht verloren
Am 26. Januar 2007 um 22:41 Uhr
Folkert Knieper und die Bilder auf seiner Homepage…
Wie Folkert Knieper von Marions Kochbuch auf seiner eigenen Homepage mit dem veröffentlichen von Bildern umgeht, hat René recherchiert. Und auch ich möchte als Betroffener von Kniepers Abmahnungen dieses Thema hier gerne aufgreifen. An diese…
Am 29. Januar 2007 um 19:51 Uhr
2. Abmahnung durch Anwalt von Folkert Knieper…
Ich bin nun vom einem der Anwälte von Folkert Knieper von Marions Kochbuch ein weiteres Mal abgemahnt worden. Diesmal kam die Abmahnung per Mail, ein Schreiben möchte mir der Herr Anwalt aber noch auf dem Postweg zukommen lassen.
In dieser zw…
Am 1. Februar 2007 um 22:52 Uhr
Wir danken allen Bloggern für die Publicity für Marions Kochbuch. Der Suchbegriff Marions Kochbuch ist bei technorati.com auf der Startseite als Platz 9 gelistet. Danke!
[Edit: Name korrigiert, Verlinkung entfernt]
Am 20. Februar 2007 um 16:01 Uhr
Was sich Frau K. da leistet, ist wirklich allerhand.
Meine user werden von mir grundsätzlich aufgefordert, alle rezepte und Bilder mit Quellennachweis zu posten.
Und heute zusätzlich, von K. übernommenen Rezepte und Bilder im Forum zu überprüfen.
Am 14. November 2008 um 17:59 Uhr
[...] Hallo Folkert Knieper, Herr Steinhöfel und all die anderen Vielabmahner … von Vanity Care: Backwahn und Abmahnfotos (Eine sehr gute [...]
Am 1. September 2009 um 01:00 Uhr
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