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MATTSCHEIBE 22. Januar 2007, 09:53 Uhr 3 Kommentare

Narrenfreiheit bei 9Live

Es ist kein Geheimnis: Wer bei einem Ratespiel gewinnen möchte, sollte es besser nicht bei “9Live” versuchen. Erstaunlich ist dagegen, dass ein Sender – und seine Wettbewerber – über Jahre mit hanebüchenen Spielen Zuschauer in die Irre führen dürfen. Öffentliche Stellen, die für die Beobachtung privater Programme zuständig sind, stehen diese Problem offenbar hilflos gegenüber.

Dass die Moderatoren der Ratesendungen während der stundenlangen Spiele viel reden, was gar nichts zu bedeuten hat, war am Wochenende in der “Frankfurter Allgemeinen” nachzulesen. Stefan Niggemeier wärmt mit seiner Dokumentation des Spielalltags bei “Deutschlands erstem Kundensender“, die er in seinem Blog fortsetzt, die Diskussion über die Zulässigkeit von Spielen auf, die mindestens am Rand der Legalität stehen.

Das erneute Anheizen der Debatte ist bitter nötig. Der Ratekanal genießt nahezu Narrenfreiheit bei der Gestaltung seiner Spiele und nutzt diese Situation aus. In der Senderzentrale hält man es nicht einmal für nötig, auf einfache Fragen wie “Was bedeutet es, wenn auf 9Live ein ‘Countdown’ gezählt wird?” oder “Was ist eine ‘Schwellenzeit’ oder eine ‘Grenzzeit’, die die Moderatoren gelegentlich erwähnen?“ zu antworten.

Bemerkenswert ist auch die Haltung, die der Sender zu den Gewinnspielregeln (pdf) einnimmt, die die aufsichtführenden Landesmedienanstalten im November 2005 beschlossen haben. “Wir sind nach wie vor in einem Dialog mit den Landesmedienanstalten über die Weiterentwicklung des Regelwerks”, teilt “9Live” mit. Soll wohl heißen: da geht noch mehr, als bislang schriftlich gestattet. Was kann schon passieren: einen Punkt über die Folgen eines festgestellten Regelbruchs enthält das Papier der Landesmedienanstalten nicht.

Insgesamt scheint die Programmbeobachtung bei fragwürdigen Ratespielen blind. Die Landesmedienanstalten, bei 9Live vorrangig die Lizenz gebende Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM), haben gemäß der Landesmediengesetze und des Rundfunkstaatsvertrags zu überwachen, ob Meinungsvielfalt gewährleistet, Bestimmungen zu Werbezeiten und –kennzeichnung sowie Datenschutz eingehalten werden. Abschnitte über Gewinnspiele enthalten die Gesetze nicht.

Wenn beispielsweise RTL in Pausen von Spielfilmen zu viele Werbespots zeigen würde, hätte der Sender weitaus härtere Strafen zu befürchten, als ein Ratekanal, dessen Spiele in den Augen vieler immer unlauter sind. Bis zu 500.000 Euro Strafgeld stehen auf Verstöße gegen Werbebestimmungen – Strafsätze für irreführende Spiele: Fehlanzeige.

Die BLM hat in der Vergangenheit trotz zahlreicher Zuschauerbeschwerden auch nicht viel Anstößiges am Spielalltag bei “9Live” gefunden. “Jeder muss selbst wissen, ob er an dem Spiel teilnimmt”, teilte die BLM dem ARD-Magazin “Plusminus” lapidar mit. Nach eingängigem Anschauen der Spiele sei auch jeder Zuschauer in der Lage, die Rätsel zu lösen. Ob das auch für die seit einiger Zeit präsentierten Spiele gilt - wie die Suche nach Wörtern, die auf –haus enden (Geld gab’s z. B. für Unterbringungshaus), oder nach Tiernamen mit S (Saigauantilope, Stirnlappenbasilisk)?

Strafermittler stellten ebenfalls bislang nichts Verbotenes im “9Live”-Programm fest. Die Staatsanwaltschaft München stellte ein Verfahren wegen möglichen Betrugs ein. Die Geschäftspraxis von “9Live” sei in strafrechtlicher Hinsicht “nicht zu beanstanden“, hieß es.

Bei “9Live” ist nicht nur nach einem Versagen der Programmaufsicht zu fragen. Ihr fehlen auch wirksame Instrumente gegen die bewusste Irreführung von Zuschauern. Zudem wird dieser alltägliche Spielirrsinn bislang durch staatliche Lizenzen legitimiert. Die Landesmediengesetze und er Rundfunkstaatsvertrag müssen ergänzt werden. Hier sind die Regierungen und Parlamente der Länder gefordert.


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3 Reaktionen zu “Narrenfreiheit bei 9Live”

  1. DerFriese

    …in dem forum http://www.call-in-tv.de wird versucht, den machenschaften auf den grund zu kommen. diverse sender mit deren spielen werden beobachtet und in verschiedenen threads dokumentiert, bewertet und bei gelegenheit als beschwerdeschreiben an die zuständige landesmedianstalt geschickt.
    ein haufen mitschnitte mit mekwürdigkeiten, abzocke und kuriositäten rundet das allgemeine bild der call in sendungen ab….

  2. Klaus Meding

    9Live-Moderator beschimpft Kritiker und hält diese für Dumm oder stellt sie als Lügner hin.
    (Ich hoffe, das 9Life dieses liest.)
    Auf folgendem Link befindet sich ein Video, in dem ein Moderator krampfhaft versucht, 9Live zu verteidigen, ABER an dem eigentlichen Thema vorbeiredet.
    http://www.tvblogger.de/droht-9live-groser-arger
    Da werden Kritiker Mundtot gemacht, wie etwa PLUS-MINUS oder ARD, die über 9Live berichteten oder als Lügner mit Scheuklappen bezeichnet.
    Da werden Kritiker als “VOLLIDIOTEN” bezeichnet, was eine Öffentliche Beleidigung ist.
    Aber seht selbst den Blogger.
    Desweiteren erstelle ich eine Internetseite, die über 9Live und nd seine betrügerischen Machenschaften als Inhalt hat.
    Gern bin ich bereit, über meine Mail Fragen hierzu beantworten.
    weissbart@online.de

    Ich vergass zu erwähnen, das 2 ehemalige Moderatoren von 9Live in PLUS-MINUS darüber berichteten, das der Hot-Button vielfach von der REGIE beeinflusst wird.
    9LIVE, sind diese 2 ehemaligen Moderatoren auch etwa Lügner, Vollidioten oder haben die ein Brett vor dem Kopf ???
    SIEHE HIERZU
    http://de.sevenload.com/videos…..L-IN-TV-DE

  3. Friedo Pagel

    Hallo,

    der Kern des Problems ist nicht 9Life, denn das ist nur die sichtbare Spitze des Eisberges.

    Hier einige Stichworte zum Nachdenken:

    “Intransparenz” - Ist es etwa transparent, wie viele Zuschauer anrufen, wenn bei einem Champions Leage Spiel ein Auto verlost wird?

    “unbedeutend kleine Einsätze” - Ist es ein Unterschied, ob ich 100 Euro mit zwei 50 Euro Scheinen bezahle oder mit 200 50 Cent Stücken? Wie lange braucht man bei MFV-Wahl, um 100x die Wahlwiederholung zu drücken?

    “bezahlen mit dem Telefon” - Wo gibt es nahezu beliebig Kredit? Wo kann man am einfachsten Geld ausgeben, das man gar nicht besitzt?

    “kostenlose Pokerschule” - ja ja, DSF finanziert sich über die Spielzeugläden, das ist ja schließlich keine Werbung für Glücksspiel

    “Glücksspielsucht” - Ist die weg nach ner Therapie? Oder ist da wie beim Alkohol oder bei den Zigaretten? Einmal wieder probieren, und alles beginnt aufs Neue. Haben diese Leute kein Recht mehr auf Fernsehen?

    “Quiz kein Glücksspiel?” - ein Witz, nur dass der Glücksspieler nicht mehr zum Casino gehen muss, sondern das Casino zu ihm nach hause kommt, ja sogar schon in seinem Wohnzimmer sitzt … aber den Lottoschein für 2 Euro, den darf man nicht übers Internet abgeben.

    ————————————

    Ich denke, das eigentliche Transparenz-Problem liegt beim aktuelle Handling der Mehrwertdienste. Die sind heut ganz darauf ausgelegt, den Habenichtsen auch noch den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen. Und Juristen und Politiker unterstützen noch diesen Raubzug. Moralisch ist das einfach nur noch ekelhaft. Diese Typen sind schlimmer als die Chaoten, die so ihr Hartz-IV verzocken bis sie irgendwann mal private Insolvenz anmelden müssen.

    Dabei wäre es so einfach, ein paar Grundprinzipien zum Schutz einzubauen. Technisch wäre das heute überhaupt kein Problem:

    1) Kurze Ansage bei Anruf zu Mehrwertdiensten “Die Kosten dieses Anrufes betragen … Euro/Cent” (wer dann noch weiter macht, hätte in der Tat selbst Schuld)

    2) Feature: Ausschluss von Anrufen zu Mehrwertdiensten, bzw. für jeden Anruf explizite Freischaltung durch einen Geheim-Code (bei der Jugendschutzfunktion beim Fernsehen geht das ja auch, nur hier soll eine Ansage alle paar Stunden Kinder und Jugendliche abhalten - wie naiv)

    3) Die Möglichkeit, Telefonkonten nur als Plus-Konten a’la Pre-Paid zu führen; bzw. das Feature: Angabe eines Monatslimits (etwa wie beim Überziehungsrahmen des Gehaltskontos, der ja auch gegebenenfalls weitere Abhebungen verhindert)

    4) Glücksspiel ähnliche Sachen (z.B. immer dann der Fall, wenn bei einem Anruf-Quiz regelmäßig mehr eingenommen wird als als Gewinn ausgeschüttet wird) nur über Treuhandkonsten abwickeln, die vorher aufgefüllt sein müssen.

    5) Online-Casinos, Bet-and-win, etc., dürften nur über Habenkonten spielbar sein. Als man Lotto noch über das Internet spielen konnte, gab es bereits genau das, dass man Einsätze nur von einem Habenkonto bei der Lottogesellschaft spielen konnte. Kleinere Anbieter, die sich eine eigene Paypal-Bank nicht leisten können, könnten sich ja obiger Treuhand anschließen.

    Wie gesagt, es fehlt nicht an der Technik. Die ist sogar schon da, müßte nicht einmal erst entwicklet werden. Nein, es fehlt an den gesetztlichen Vorschriften. Muss es erst millionenfache Verarmung durch so einen Blödsinn geben, ehe die Politiker aufwachen? Das Problem 9Life und seine fragwürdigen Methoden würde sich so jedenfalls ganz von alleine auflösen.

    Es gibt dringenden Handlungsbedarf. Nur die, die an diesem verdeckten und gedeckten “Betrug” (nicht formal juristisch, aber nach allgemein moralischem Rechtsempfinden ist es “Betrug”) verdienen, haben natürlich kein Interesse daran. Und für die, die sich belustigt über “Unterschichten-Fernsehen” mokieren, ist das Thema wohl mehr wie eine Reality-Show als eine Schutz-Verpflichtung für die schwachen und leicht verführbaren.

    Grüße
    Friedo Pagel



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