PAPIER
17. Januar 2007, 22:58 Uhr
2 Kommentare
Diekmanns Bild: Wie erklärt er das in seiner Branche?
Haben wir etwas überhört? Niemand hat bislang den Rückzug von VerbraucherschutzGesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) gefordert, obwohl die „Bild“ auf Seite 1 ausbreitet, was für ein Schlimmer der Politiker in Sachen Treue ist. Die Boulevardgeschichte ist ein Rohrkrepierer, den selbst die Partei nicht rettet, die auch gern nach privaten Details von Politikern geforscht hat.
„Bild“ selbst gelingt es nicht, auch nur eine Stimme zu bekommen, die Seehofer aufs Schärfste verurteilt. Edmund Stoiber ist im Artikel empört – aber nicht über seinen Parteikollegen. “Ich finde es unanständig, dass so etwas in den Medien gestreut wird.” Brav tippt “Bild” auch noch ab, dass Stoiber – und mit ihm viele andere – den Artikel für einen ganz tiefen Griff ins Klo halten.
Warum kommt “Bild” pünktlich zur Klausurtagung in Kreuth mit dem Bericht? Angeblich wird seit längerem über Seehofers Liebelei getuschelt. Und die Nachricht von der bevorstehenden Vaterschaft – “Jetzt ist die 32-Jährige schwanger” – ist in vertrauten Kreisen auch keine neue: “Vierter Monat.” Den möglichen Grund, dass nun die Informationen an die Öffentlichkeit dringen, liefert „Bild“ auch gleich mit. Es gebe „offensichtlich das Interesse, Seehofer aus dem Rennen zu drängen.“ Sie hat solche Interessen am eigenen Leib erfahren. Stoibers Büroleiter wurde entlassen, nachdem pikante Nachforschungen der Staatskanzlei über die schöne, schöne Landrätin bekannt geworden waren.
“Bild” hat Informationen, die wohl nicht nur das Boulevardblatt hat. Es ist ganz bestimmt kein Scoop. Die Redaktion ist bloß die einzige, die Seehofers Leibeleien an die Öffentlichkeit zieht. “Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen. Und genau das tun wir”, rechtfertigt sich Redakteur Nikolaus das im Kommentar. “Scheinheilig”, “albern”, heißt es dazu zurecht im Bildblog.
Schlimm ist es, dass “Bild” erneut auf Reise in den Fäkaljournalismus ist. Schlimmer noch, dass die Zeitung billigend Gefahr läuft, sich instrumentalisieren zu lassen. Darauf weist der “Stern” hin. Seehofer gilt als heißester Anwärter für die Nachfolge im Parteivorsitz. Da gibt es Neider, Missgünstige und erklärte Gegner. Ihnen verhilft die Zeitung – selbst hauptsächlich um Auflage bedacht – zu einem breiten Forum und möglicherweise auch zur Durchsetzung ihrer Interessen.
Die Veröffentlichung von Affäre, Turtelei und Schwangerschaft ist entweder auf gröbste Weise fahrlässig – oder geschieht vorsätzlich, falls sich bei “Bild” Mitarbeiter durchgesetzt haben, die gerade diesen Mann als Stoiber-Erbe verhindern wollen. Beides ist bei einem verantwortungsbewussten Journalisten nicht hinnehmbar. Die Forderung, Springer müsse Blattchef Kai Diekmann einen “Fußtritt” verpassen, ist berechtigt. Am Balken bei “Bild” sollte man nicht mehr zu selbstsicher sein, das war auch Stoiber, als Frau Pauli das erste Mal in der Tagesschau erschien.
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Am 19. Januar 2007 um 14:16 Uhr
Horst Seehofer ist Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und nicht Gesundheitsminister. Das ist Ulla Schmidt.
Am 19. Januar 2007 um 14:47 Uhr
Ganz großen Dank. Ich hab es sofort korrigiert.