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PAPIER 4. Januar 2007, 18:03 Uhr 0 Kommentare

Mittleres Tempo

Mit “Tempo” ist es wie mit alten Rock- oder Pop-Granden, die ein Revival wagen. Was den einst frenetischen Jubel bei den Fans auslöste, lässt sich nicht mehr ausmachen. Brav wird applaudiert, denn schlecht ist die Darbietung beim Wiederaufleben nicht. Doch ein Hype bleibt aus. Und so liegt “Tempo” dick, schwer und solide auf dem Tisch – und wartet mit 33 Wahrheiten auf.

“Editorials sind in aller Regel unnötig”, schreibt Markus Peichl am Anfang des Hefts. Denn wenn dort erklärt werden müsse, was auf den Folgeseiten erklärt werden soll, “hat man entweder ein schlechtes Heft gemacht oder man landet zwangsläufig bei Angeberei und Selbstbeweihräucherung”. Schreibt’s und vollendet ein komplettes Editorial. Das Heft ist aber weder miserabel, noch maßlos überheblich. Es lässt den Leser jedoch nach rund 380 Seiten ein wenig ratlos zurück. Was sollte erklärt werden? Es ist nirgendwo erklärt worden.

Und das ist das Problem des Sonderhefts. Es ist ein bisschen schön, dass es da ist – aber wenn es nicht erschienen wäre, hätte es auch keiner vermisst. Die Nische, in die die Ausgabe schlüpfen könnte, gibt es nicht. Und das wird schon im Vorwort eingestanden. Das Heft sei entstanden, “weil wir vielleicht einfach Lust hatten, einmal eine Zeitschrift zu machen, die es so nicht mehr gibt und auch gar nicht mehr geben kann.” Das gilt in besonderer Weise für “Tempo” selbst. Das Magazin hebt sich nicht mehr von seinem Umfeld ab. Die einstigen Revoluzzer an den Tastaturen sitzen in allen möglichen Redaktionen und haben ihren Stil dorthin mitgenommen und viele Nachahmer und Verbesserer dieses Stils gefunden.

Daher war es eine weise Entscheidung, keine Nostalgie ausbrechen zu lassen. Das Jahrzehnt seit der Einstellung wird im Eiltempo durchschritten. Doppelseitige Fotos sollen den Blick zurück kurzweilig gestalten, laden aber wegen ihrer Qualität mehrfach zum Innehalten ein: Der Innenraum des Kölner Doms, als stünde dort ein Riesenventilator, der Tausende von Hostien in alle Kirchenschiffe gewirbelt hat; Mutter Beimers Küche, übersäht mit 487 Spiegeleiern, die dort in zehn Lindenstraßenjahren gebraten worden sein sollen; 138.000 Zigarettenstummel, die Altkanzler Helmut Schmidt seit dem Ende von “Tempo” ausgedrückt hat (aber kein – wenn auch kleinerer – Zigarrenhaufen von Altkanzler Gerhard Schröder).

In der Top-Flop-Liste des Jahrzehnts erscheint dagegen nur der jüngere Ex-Regierungschef. Überhaupt bleibt unklar, warum jemand aufgenommen wurde und oft auch, warum der Daumen hoch oder runter geht. Warum Madonna nach ihrem jüngsten unterdurchschnittlich seichten Album als “der einzige Popstar, der TEMPO wirklich verstanden hat” gefeiert wird, Moby aber zur Vorlage seines Best Ofs attestiert wird, er “langweilt so sehr, dass man einen Atomkrieg starten möchte, nur zum Spaß”, Campino als “Sabine Christiansen des Punk” verdammt und Axl Rose nach zwölf Jahren ohne neues Werk gefeiert wird, erschließt sich nicht.

Doch die “Tempo” hat auch einen Scoop dabei (leider nur einen): 100 deutschen Promis wurde die Ehrendoktorwürde einer fiktiven, offensichtlich nationalistischen Akademie angedient. 14 nahmen an, weitere sagten bloß aus Termingründen ab. Dieter Bohlen, Gotthilf Fischer, Rolf Bossi, Udo Jürgens und andere wollten dabei sein. Ob “Tempo” damit erklärt, wie nationalistisch die deutsche Prominenz ist, darf bezweifelt werden.

Auszüge aus Antwortschreiben lassen zwar mal vermuten, dass rechtes Gedankengut gehegt wird. Der Großteil der Zusager aber “ist so von sich berauscht, dass er neben dem Bambi die akademische Auszeichnung gleich mitkassieren will.” Díeses Fazit kommt jedoch versteckt auf der letzten Seite der großen Geschichte. Tempo dokumentiert weniger einen Rechtsruck in den Köpfen der deutschen Prominenz, als grassierende Eitelkeit, Selbstüberschätzung und Dekadenz.

Ein schönes Sprachspiel hebt sich dagegen die Reportage von Benjamin von Stuckrad-Barre ab, der einige Tage zusammen mit Klaus Wowereit das Terminprogramm des Regierenden Bürgermeisters der Hauptstadt absolviert hat. Wowereit lacht, Wowereit bekommt Applaus, Wowereit muss weiter, Wowereit beim nächsten Termin. Der Mann ist nicht bloß Partykönig in Berlin, er erscheint als wahres Energiebündel. Inhalte, wofür steht der SPD-Politiker? Im Text von Stuckrad-Barre ist dazu nichts zu finden. War wohl die Tage auch nicht so wichtig – schließlich ist Wowereit, so der Autor, “der letzte Instinktpolitiker Deutschlands” und, so “Tempo”, “die nächste Bundeskanzlerin”.




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Dass die nächste Bundeskanzlerin ein Mann sein werde, ist nun eine der 33 angepriesenen Wahrheiten der Gegenwart. Die erste war: “Wir haben es verlernt, mit unserer Vorgeschichte verantwortungsvoll umzugehen”. Weitere sind “Fußball ist pop, aber der Ball bleibt rund” (es folgen Aufnahmen von Lukas Podalski mit freiem Oberkörper), “Im Schönen steckt immer noch am meisten Wahrheit” (zu Makro-Bildern von Blumen).

Grönemeyer trifft Tokio Hotel enttäuscht. Es treffen sich Musiker unterschiedlicher Generationen, die erstaulich wenig übereinander wissen. Sie begegnen sich mit Interesse und reden im Plauderton. Der Leser kann sich fast das wechselseitige kumpelhafte Schulterklopfen vorstellen, das zwischen den abgedruckten Sätzen ausgetauscht wird. Bei Fans der beiden Lager könnte man sich das auch anders vorstellen. Seicht sind auch die Leserreporterbilder, die Kai Diekmann, mit seinem Handy schießt. Die Idee war gut, das Ergebnis aber genauso spannend wie 90 Prozent aller Handy-Fotos überhaupt – und wahrscheinlich auch wie 90 Prozent der an Bild geschickten Leserreporter-Shots.

Lange geblättert und gelesen – und unter A wie Aufbewahren einsortiert: Das “Tempo”-Sonderheft war aufwendig. Wäre es eine reguläre Ausgabe einer herkömmlichen Monatsschrift – niemand würde das Heft bitter enttäuscht oder wutentbrannt wegschleudern. Solide, aber nicht herausragend, das ist “Tempo” 2006.


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