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PAPIER 9. Dezember 2006, 08:25 Uhr 1 Kommentar

Auferstehungsfeier oder Leichenfledderei

Ein Revival in Angriff zu nehmen, ist mutig. Den Kult noch durch mehrmaliges Verschieben des Auftritts anzuheizen, ist tollkühn. Aber ob das Wagnis neben der unbestreitbar vorhandenen Masse auch durch Klasse auffällt, ist umstritten. Manche Leser des “Tempo”-Revivals glauben, eine Auferstehung miterlebt zu haben – andere berichten, Autoren beim Schaufeln an Medien-Gräbern ertappt zu haben.

“Keine Nostalgie, keine Rückbesinnung, keine Selbstreflexion”, wird im Editorial versprochen – und über 380 Seiten gehalten. Das Geburtstagsheft setzt an, wo “Tempo” mit seinem regulären Abdanken aufgehört hat – mit großformatigen Fotos über zehn tempo-lose Jahre. Danach folgen Texte der Autoren von damals – gebündelt unter dem Etikett “33 Wahrheiten über die Welt von heute”. Hintenan formulieren “38 kluge Köpfe” eine “Gebrauchsanweisung” für die kommende Dekade. Kann das der Leser gebrauchen?

Ja, meint der Popkulturjunkie. Beim schnellen Durchblättern erkennt er “ein Heft mit verdammt vielen guten Ideen und unglaublich vielen Top-Autoren, an dem man wochenlang zu lesen hat.” Zum zweiten – vielleicht nicht wochenlangen – Blick rät auch Harald Martenstein im Tagesspiegel.

Zuerst falle auf, “dass die Texte der meist recht berühmten Autoren nicht halb so wichtig sind wie ihre Inszenierung”, danach aber auch, “dass man in diesem Heft trotzdem längere Zeit liest.” Und das unterscheide “Tempo” von anderen Heften: “Es kommt der Welt, wie man sie zu kennen glaubt, deutlich näher als der neue ‘Stern’.” Das Magazin schaffe es, “einen ‘Zeitgeist’ abzubilden mit dem Blick des amüsierten Außerirdischen.”

Zu dick will man beim Netzausfall das Lob nicht auftragen. “Ein nettes Sammelsurium an Eindrücken, aber kein Anspruch auf die letzte Wahrheit”, lautet das versöhnliche Urteil. Für mehr Erstaunen sorgt das Umfeld der Fotos und Artikel: Werbung, ja klar - aber für den Quelle-Katalog mit Mode für Mutter und Kind, teure Autos sowie Großkonzerne? “Das ist also aus dem Tempoleser geworden. Die Tempo wäre, gäbe es sie heute noch, Spießers Liebling”, wird eine weitere Wahrheit diagnostiziert.

Weniger ein schillerndes Revival, als viel Gedrucktes auf Hochglanz sieht der Fontblog. “Einmalige Ausgaben sind per se Humbug.” Es gebe sie nur, “weil zum Jahresende 2006 die Werbemillionen derart locker sitzen, dass man ein solches Larifari mühelos finanzieren kann – trotz Sonderrabatten.” Und weil es bei Tempo auch nur noch einmal sein sollte, falle die Gestaltung “öde und uninspiriert” aus.

Bloß ein Produkt der Beliebigkeit ist das Heft für DonDahlmann: “Würde die abgedruckte Werbung nicht dauernd der ‘Tempo’ gratulieren, man würde schnell vergessen, was man da eigentlich liest.” Er habe das Heft gekauft, “obwohl ich schon das Titelbild abschreckend fand. Eine rauchende Kate Moss - gähn. Dazu die Headline ‘Endlich die Wahrheit’ - doppel gähn.” Ein Tiefpunkt auf den Innenseiten: Grönemeyer trifft Tokio Hotel. “Da wäre ja ‘Kunze trifft Biedermann’ oder ‘Lindenberg trifft Sido’ noch besser gewesen.”

Verrisse kommen von Spiegel und Welt. “Von Wahrheit keine Spur. Die 33 ‘Tempo’-Wahrheiten dienen allein dazu, die unterschiedlichsten Texte und Textformen unter ein gemeinsames Dach zu pferchen. Dramaturgie statt Heuristik. Effekte statt Erkenntnis”, urteilt Reinhard Mohr über das “Ich-ich-ich-Magazin”.

Beim Springer-Verlag hat sich Franz Josef Wagner offenbar im Stockwerk geirrt: Seine Post zum Geburtstagsheft erscheint in der Welt: “Etwas Nettes” habe er schreiben wollen, sei ihm aber nicht gelungen. Denn vor ihm habe nur “die Gedenknummer einer Zeitschrift, die ein Friedhof ist”, gelegen. “Sehr traurig”, die Ausgabe sei “vergleichbar mit der Unsittlichkeit Sex mit Toten zu haben”. Niemals habe er “etwas Unlebendigeres angefasst, niemals etwas Kälteres, außer einen Otto-Katalog.” Doch vielleicht hat Leichenschau auch ihren Reiz.


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Eine Reaktion zu “Auferstehungsfeier oder Leichenfledderei”

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